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ÜBER STANDFOTOGRAFIE


DER GANZE FILM AUF EINEM BILD

Der Standfotograf ist das einzige Teammitglied, das nicht unmittelbar mit der Herstellung des Filmes zu tun hat. Meistens ist er auch nicht ständig am Set anwesend, es genügen ihm etwa zwei Drittel der Drehzeit, um alle entscheidenden Szenen zu fotografieren. Das wichtigste Ergebnis des Standfotografen sind die Stills – eben jene Standfotos, die später in Schaukästen der Kinos sowie bei der Filmberichterstattung in Zeitungen und Zeitschriften zu sehen sind und den unentschlossenen Besucher überzeugen sollen.

Da sich diese Fotoauswahl letztendlich auf zwei Dutzend Fotos beschränkt, steht der Standfotograf vor einer großen Aufgabe: Mit wenigen Fotos müssen die entscheidenden Elemente der Geschichte eingefangen werden, dabei müssen alle Hauptdarsteller zu sehen sein, die wichtigsten Szenenbilder und eventuelle spektakuläre Ereignisse wie Stunts, Spezialeffekte und Massenszenen.

Um die Geschichte des Filmes auf Fotos richtig wiedergeben zu können, muss der Standfotograf den Look des Filmes imitieren, d.h. er verwendet in etwa die gleichen Filter, wie sie die Kameraabteilung benutzt und versucht außerdem, seine Bilder im gleichen Licht in Szene zu setzen. Dafür stehen ihm drei Möglichkeiten zur Verfügung:  Entweder nutzt er die Probe für seine Fotos oder er wartet, bis die Szene gedreht ist, und stellt dann mit den Darstellern die wichtigsten Positionen nach. Oder er verfügt über eine „geblimpte“ , also schallgedämpfte Kamera, die es ihm erlaubt, auch während des Drehs der Szene zu fotografieren. Das Problem bei den ersten beiden Möglichkeiten: In der Probe fehlt vielleicht noch das perfekte Licht, und nach dem Dreh der Szene soll schnell umgebaut werden - wer hat da Zeit für Standfotos? Doch auch die Fotografie während des laufenden Takes hat Nachteile, der Fotograf kann kaum den  Standort wechseln und muss den idealen Standpunkt der Filmkamera überlassen.  Es ist also nicht ganz leicht, ein gutes Arbeitsergebnis zu erzielen, und am Ende wird der Fotograf alle drei Möglichkeiten etliche Male in Anspruch genommen haben. Die Kunst seines Metiers besteht vor allem darin, die Stimmung des Filmes auf die Fotos zu bannen und dies muss nicht unbedingt anhand der für den Film wichtigsten Szenenbestandteile geschehen. Manchmal sagt ein Gesichtsausdruck oder ein Stillleben viel mehr über eine Geschichte aus als eine Fotosammlung sämtlicher Ereignisse des Filmes. So ist der Standfotograf immer auf der Jagd nach dem einen, repräsentativen Foto, das den ganzen Film in einem Bild wiedergibt.

Bei eigentlich jedem Filmprojekt finden so genannte Foto-Vorproduktionen statt. Hierbei wirkt der Fotograf dann unmittelbar am Film mit, handelt es sich doch um Fotorequisiten, die für den Film extra produziert werden müssen. Wenn die Hauptdarstellerin  im Film als große Konzertpianistin präsentiert wird, werden Plakate benötigt, auf denen sie am Klavier zu sehen ist, und in ihrem Wohnzimmer sollen Fotografien von ihr  herumstehen. Ihre Filmfigur hat Kinder und viele Geschwister, in Wirklichkeit ist die Schauspielerin Einzelkind und kinderlos – also müssen all diese Fotos „besetzt“ und erst einmal hergestellt werden. Ehe das nicht geschehen ist, können die Szenen im Wohnzimmer der Pianistin nicht gedreht werden.

Eine weitere Aufgabe der Standfotografie umfasst die Arbeitsfotos, die die Dreharbeiten fotografisch dokumentieren. Einige dieser Fotos werden  schon während der laufenden Dreharbeiten zur Veröffentlichung in der Presse genutzt, die meisten davon kommen in Vorbereitung des Kinostarts zum Einsatz, als Pressematerial , aber auch für die Verleihpublikationen, z.B. auf den Internetseiten des Verleihes bzw. des Filmes; dies gilt natürlich auch für die Standfotos.

Dieser Text ist dem im Jahr 2008 bei Henschel erschienen Buch "Wie wird man was beim Film" entnommen. Die Veröffentlichung auf dieser Page erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Verlages und des Autors Martin Rohrbeck.